„Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8.16).
Eines ist das Wissen, daß Gott existiert, daß wir uns an ihn wenden können, daß er Erbarmen mit uns hat, daß sein Sohn für unsere Sünden bezahlt hat. Etwas anderes ist das lebendige Bewußtsein, daß wir im Zentrum der Liebe Gottes stehen: Dies befreit aus aller lähmenden Angst, aus Einsamkeit und dem Gefühl des Verwaistseins, aus aller Unsicherheit.
Wenn ein junger Mensch sich geliebt weiß, ändert sich das ganze Leben für ihn: Alles ringsum beginnt zu leuchten, jede Kleinigkeit gewinnt Bedeutung, und er selbst wird offener und liebevoller.
Um wieviel stärker ist die Erfahrung eines Christen, dem aufgeht, daß Gott wirklich Liebe ist, daß Gott ihn liebt. Der graue Alltag bekommt Farbe; ein tragisches Schicksal verliert an Härte; eine ruhelose Existenz findet Frieden. Man ist bereit, seine begrenzten Pläne und Programme zu ändern und sich auf das einzulassen, was in Gottes Plänen liegt. Wer sich von Gott geliebt weiß und mit seinem ganzen Wesen an diese Liebe glaubt, überläßt sich seiner Liebe voll Vertrauen; ihr will er folgen. Die Liebe erhellt sein Leben; hinter traurigen wie freudigen Ereignissen steht, so weiß er, die Liebe dessen, der dies gewollt oder zugelassen hat. Hinter allem, hinter jeder Begegnung, hinter den Pflichten verbirgt sich der Wille des Einen, dessen Liebe nicht täuschen kann und der alles zum Guten führt.
Das Geschöpf, das zuvor schwach und wankend war, tritt in Beziehung mit dem unsichtbaren Schöpfer, der ihm Sicherheit und Stärke, Licht und Liebe gibt. Wenn einem Menschen die Liebe seines Gottes offenbar geworden ist, wenn Gott ihm seine Liebe erklärt hat, kann er nicht länger widerstehen: Wie könnte er nicht seinerseits Gott seine Liebe erklären? Damit beginnt sein Weg hinauf zum Ziel, zu dem wir alle berufen sind: verwirklichte Christen, heilig zu sein.
Gott ist die Liebe. An seine Liebe glauben, auf seine Liebe antworten: das ist das Wesentliche — gerade in unserer Zeit, in der besonders die junge Generation nach Wesentlichkeit verlangt.
Chiara Lubich
(aus dem Buch "Alles besiegt die Liebe"-Betrachtungen und Reflexionen, Verlag Neue Stadt, S. 150-151)
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