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Dieser unbekannte Gott

Wenn wir im Leben Schiffbruch erleiden und berohlichen Stürmen ausgesetzt sind, sprechen wir einen Namen aus, der vielen Leidenden noch bis zum letzten Atemzug über die Lippen kommt: Mutter. - Nicht immer ist damit die irdische Mutter gemeint. Menschen, die ein wenig mit dem Göttlichen vertraut sind, denken dabei oft an Maria. Es ist es der Aufschrei von Menschen, die ihr Herz Gott gegeben haben, in den Augenblicken der Prüfung: „Mutter!"

Nach der Erlösung ist dies ein zweites Wunder der Liebe: ein menschgewordener Gott und eine Mutter für alle, Hoffnung für jeden Christen.
Manchmal fragen wir uns, wie wohl Maria all das Leid in ihrem Leben hat durchstehen können, ohne sich ihrerseits an eine Mutter, an die Mutter wenden zu können ... - Maria ist verankert in Gott. Darin liegt die Schönheit, die Größe und Einzigartigkeit dieses Geschöpfes, „das über allen anderen Geschöpfen steht" (Dante). Zweifellos fand sie - wie wir, ja weit mehr als wir - Ruhe und Geborgenheit in Gott.

Aber ist es nicht denkbar, daß es auch für sie jemanden gab, der für sie das war, was Maria für uns sein kann - und noch unendlich viel mehr: reiner Ausdruck der Liebe? Vielleicht fand sie in der Mühe ihres Lebens, im Dienst für den Vater und in der Sorge um den Sohn - und in den Augenblicken, in denen der Schmerz sie fast überwältigte - Trost, Kraft, Mut und Lebenswillen in dem, der damals wie heute die Kirche trägt und erhält: im Heiligen Geist.
Der Heilige Geist, dieser unbekannte Gott! Bei unserer letzten Rechenschaft werden wir mit grenzenlosem Bedauern feststellen, daß wir ihn viel zu wenig geliebt, geehrt und ihm nicht genug gedankt haben.

Der Heilige Geist:
Seele des Leibes Christi,
Stärke der Märtyrer aller Zeiten,
Strom lebendigen Wassers für die Weisen,
Licht der Gottgesandten,
Sicherheit der Päpste, Lehrer der Bischöfe,
Freund der Priester,
Glück jungfräulicher Menschen:
Er hat Wohnung genommen in Maria,
der ohne Erbschuld Empfangenen,
und fand seine Freude darin,
verborgen Christus Gestalt zu geben,
dem Schönsten der Menschenkinder.
In ihm und durch ihn erhob Maria
des Menschen Sehnsucht nach einer „Mutter"
auf eine göttliche Ebene.

Chiara Lubich
(aus dem Buch: "Alle sollen eins sein" - Geistliche Schriften, Verlag Neue Stadt, S. 155-156)