„Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ (Lk 1,45)
Dieses Wort stammt aus einem ebenso einfachen wie außergewöhnlichen Moment: der Begegnung von zwei werdenden Müttern, die geistlich und körperlich mit ihren Kindern engstens verbunden sind. Während sich die ersten Worte Elisabets direkt an die Mutter Jesu richten, sind die letzten in der dritten Person formuliert: „Selig ist die, die geglaubt hat.“
So bekommt Elisabets Aussage eine allgemeingültige Bedeutung. Diese
Seligpreisung gilt allen Glaubenden; sie betrifft all diejenigen, die das Wort Gottes annehmen und es ins Leben umsetzen. In Maria finden sie ihr Vorbild. 1)
„Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“
Dies ist die erste Seligpreisung des Evangeliums, die Maria gilt und mit ihr allen, die ihrem Beispiel folgen wollen. In Maria gibt es eine enge Verbindung zwi-schen Glaube und ihrer Mutterschaft, die vom Hören auf das Wort Gottes kommt. An einer späteren Stelle des Lukasevangeliums wird deutlich, dass dies auch für uns gilt. Dort sagt Jesus: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln“ (Lk 8,21).
Elisabet nimmt dieses Wort Jesu gleichsam vorweg. Erfüllt vom Heiligen Geist bringt sie zum Ausdruck, dass alle, die Jesus nachfolgen, „Mutter“ des Herrn werden können. Einzige Bedingung: an das Wort Gottes glauben und danach leben.
„Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“
Maria hat ein uneingeschränktes Ja zu Gott gesagt. Darin vor allem besteht ihre Heiligkeit und Größe. Wenn Jesus das fleischgewordene Wort ist, dann ist Maria wegen ihres Glaubens an das Wort gelebtes Wort – dabei allerdings ein Geschöpf wie wir.
Marias Rolle als Mutter Gottes ist erhaben und großartig. Aber Gott ruft nicht nur sie, Christus in sich Fleisch werden zu lassen. Jeder Christ ist gerufen, Christus in sich leben zu lassen, um mit Paulus sagen zu können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Wie gelingt das? Es gelingt, wenn wir die gleiche unbegrenzte Verfügbarkeit dem Wort Gottes gegenüber haben, die Maria auszeichnet. Glauben wir daher wie sie, dass sich alle Verheißungen bewahrheiten, die die Worte Jesu enthalten, selbst wenn sie absurd scheinen.
Wer seinem Wort glaubt, erlebt kleine und große Wunder. Man könnte ganze Bücher mit Beispielen füllen, die dies belegen.
Wie könnten wir vergessen, wie wir während des Krieges im Glauben an das Wort Jesu „Bittet, dann wird euch gegeben“ (Mt 7,7) um all das gebeten haben, was die vielen Armen in unserer Stadt benötigten, und daraufhin Säcke voller Mehl, mengenweise Milch, Marmelade, Brennholz und Kleidung erhielten.
Auch heute geschehen ähnliche Dinge. „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ (Lk 6,38), heißt es im Evangelium. So werden die „Vorratskammern der Nächstenliebe“ immer aufs Neue gefüllt sein, nachdem sie für die Bedürftigen geleert wurden.
Am meisten beeindruckt, dass sich die Worte Jesu immer und überall be-wahrheiten. Die Hilfe Gottes kommt zur rechten Zeit, bis in die letzten Winkel der Erde, auch dann, wenn es die Umstände unmöglich erscheinen lassen. So erging es einer Mutter, die in großer Armut lebte. Sie hatte ihr letztes Geld jemandem gegeben, der noch ärmer war als sie. Sie glaubte an die Zusage „Gebt, dann wird euch gegeben werden“ hatte deshalb großen inneren Frieden. Kurze Zeit später kam ihre jüngste Tochter nach Hause und zeigte ihr, was ihr soeben von einem Verwandten geschenkt worden war: In ihrer kleinen Hand hielt sie ein Vielfaches des verschenkten Geldes.
„Kleine“ Erfahrungen wie diese bestärken uns, dem Evangelium zu glauben. Jeder kann jene Freude und jenes Glück erfahren, die sich einstellen, wenn sich die Zusagen Jesu erfüllen.
Öffnen wir unser Herz täglich für die Begegnung mit dem Wort Gottes. Tun wir das, was Jesus von uns möchte, und glauben wir daran, dass er hält, was er ver-spricht. Wie Maria und die eben erwähnte Mutter werden wir entdecken, dass er nicht zögert, seine Versprechen wahr zu machen.
Chiara Lubich
1) vgl. Gerard Rossé, Il Vangelo di Luca, Roma 1992, p. 67
Dieser Kommentar von Chiara Lubich (1920-2008) wurde erstmals im August 1999 veröffentlicht.